Gute Lesbarkeit als Rechenaufgabe

Ich will Ihnen noch zwei Indices zur Lesbarkeit erläutern. Und zwar den Gunning´s Fog Index und Flesch-Kincaid Grade Level. Beide Formeln führen zu einem anschaulichen Ergebnis. Es gibt an, nach wie vielen Schuljahren eine Leserin oder ein Leser den Text verstehen kann. In beiden Berechnungsarten hat die Wortlänge starken Einfluss auf das Ergebnis. Hier ist die deutsche Sprache – reich an üppigen Komposita – gegenüber der englischen naturgemäß im Nachteil. Die Ergebnisse müssen also bei deutschen Texten milde interpretiert werden.
Und so geht es:

Gunning´s Fog Index
In drei Schritten:
1) Nehmen Sie sich einen Text mit mindestens 100 Wörtern vor. Ermitteln Sie die durchschnittliche Satzlänge (DSL). Dazu teilen Sie die Anzahl der Worte durch die Anzahl der Sätze.
2) Bestimmen Sie jetzt den Prozentsatz der schweren Wörter. Das sind alle, die drei oder mehr Silben haben. Ausnahmen: Eigennamen und umgangssprachlich gebräuchliche Wörter. Außerdem werden Suffixe an Verben abgerechnet („gegangen“ hat drei Silben. Es ist aber abgeleitet von „gehen“ und gilt deshalb als einfach). Teilen Sie nun die Anzahl der schweren Wörter durch die Wörter insgesamt. Multiplizieren Sie das Ergebnis mit 100. Sie kennen nun den Prozentsatz schwerer Wörter (PSW).
3) Der Rest ist einfach: Gunning Fog Index = 0,4*(DSL+PSW).

Keine Lust selbst zu rechnen? Bequemer geht es
online mit Copy&Paste.

Flesch-Kincaid Grade Level
Ebenfalls in drei Schritten:
1) Die durchschnittliche Satzlänge kennen Sie ja schon von oben (DSL).
2) Teilen Sie nun die Anzahl der Silben im Text durch die Anzahl der Wörter. Das Ergebnis ist die durchschnittliche Silbenanzahl der Wörter im Text (DSA).
3) Setzen Sie beides in diese Formel ein: Flesch-Kincaid Grade Level= (0,39*DSL) + (11,8*DSA)-15.59

Das war es.

Zu umständlich? Dann sollten Sie sich die
Flesh-Freeware herunterladen. Lassen Sie Ihren Rechner rechnen!

Mal sehen, was dieses Posting taugt. Test bestanden. Es ist gut lesbar:
Bildschirmfoto 2011-05-03 um 17.49.48

Scrivener

Sie rufen den Handwerker. Sind Sie ihm dankbar, wenn er Ihnen selbstlos den Inhalt seines Werkzeugkoffers erklärt? „Verehrte Dame, seit ich diese Rohrzange mein Eigen nenne, bin ich ein glücklicherer Klempner. Darf ich sie Ihnen in ihren wichtigsten Vorzügen vorführen?“ Sie würden wohl mehr oder weniger höflich ablehnen.

Bei einem Texter und Konzeptioner stellt sich die Sache schon anders dar. Inhalte recherchieren, sichten, erstellen, sortieren, gewichten, komponieren – das muss jeder, der in Projekten arbeitet in der einen oder anderen Weise. Ich verwende für praktisch jeden meiner Arbeitsschritte die Software Scrivener. Sie ist eine kurze Empfehlung wert.

Scrivener gibt dem Anwender größtmögliche Freiheit, alle Arbeitsabläufe so zu gestalten, wie er oder sie es gern hat. Die Software stellt aber für sehr viele Arbeitsabläufe bemerkenswerte Hilfen zur Verfügung: Meine Favoriten sind der „Binder“, das „Scratchpad“, das „Corkboard“ und die „Templates“.

Binder – sammeln, sichten, komponieren
Scrivener läßt sich beschreiben als ein Textverarbeitungsprogramm mit gewissen Datenbank- und Projektmanagement-Fähigkeiten. Man legt in Scrivener keine Textdatei an. Man sichert ein Projekt, in dem sich beliebig viele Texte, aber auch andere Dateitypen befinden können. Alle Informationen sortiert man im „Binder“. Wer das Dateisystem von Windows oder Mac gewohnt ist, steht mit dem Binder von Anfang an auf vertrautem Fuß. Er ist der Explorer für das Projekt.
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Scratchpad – die Ablage für alle Fälle
Im Binder gibt es einen Ordner „Research“ (man kann ihn umbenennen). Welche Informationen auch immer Ihnen bei der Recherche über den Weg laufen – im Ordner Research können Sie sie per Drag-and-Drop sammeln. Scrivener akzeptiert Texte, Bilder, PDF-Dokumente, Filme, Webseiten und Audiofiles. Mit dem so genannten Scratchpad können sie diese Informationen auch dann in Ihrem Scrivener-Projekt sammeln, wenn Scrivener nicht sichtbar ist. Mit einer Tastenkombination rufen Sie das Scratchpad-Fenster auf und sichern Ihren Fund für Ihr Projekt. Natürlich könnten sie auch alle Informationen in einen Ordner im Explorer oder Finder legen. Aber rufen Sie dann einmal die Dateien auf: Es öffnen sich diverse Programme, die jeweils für ihren Dokumenttyp zuständig sind. Das Chaos beim Suchen und Sichten ist vorprogrammiert. Im Scrivener-Projekt ist alles beieinander – in nur einem Scrivener-Fenster.
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Corkboard – pinnen, bis es passt
Im Ordner „Draft“ im Binder werden die Textdateien angezeigt, die Sie anlegen. Der Trick ist: Es sind wirklich einzelne Textdateien. Sie können sie im Binder sehr einfach herumschieben, anders gruppieren, in Ordnern sammeln, stapeln oder sonstwie sortieren. Das funktioniert erstens im Binder mit den Dateien. Es geht aber zweitens auch in einer Outliner-Ansicht, wie sie beispielsweise Word-Anwender unter dem Namen „Gliederung“ kennen. Die dritte Möglichkeit gibt es nur in Scrivener: Auf dem „Corkboard“ zeigt die Software alternativ jede Textdatei als eine Karteikarte an, mit einer Kurzzusammenfassung ihres Inhaltes. Hier können Sie nun wie an einer Pinnwand die Karten herumschieben und umgruppieren, bis alles da sitzt, wo sie es haben wollen. Eine wunderschöne Idee, wie man mit Textmodulen experimentell größere Gliederungen ausprobieren kann.
feature-corkboard
feature-outliner

Templates – schaffen Sie sich individuelle Vorlagen
Scrivener unterstützt Projektvorlagen und Templates in Projekten. Ich habe eine Projektvorlage „Text“ mit den von mir bevorzugten Schriftgrößen, Farben, Ordnern etc. In dieser Projektvorlage habe ich Templates gespeichert. Das sind vorpräparierte Textdateien für bestimmte Einsatzzwecke, zum Beispiel für „Broschüre“, „Website“ und andere mehr. Ich kann nur andeuten, was sich alles individuell vorkonfigurieren läßt in Scrivener. Am Ende hat jedenfalls jeder und jede eine individuelle Projekttextdatenbank, die genau der je eigenen Arbeitsweise entspricht.

Scrivener bietet darüber hinaus noch sehr viele nützliche Funktionen, wie zum Beispiel „Snapshots“ von einzelnen oder allen Texten, also eine Versionierung im Projekt; eine Verschlagwortung von Dateien mit Keywords; Eine Unzahl an Exportmöglichkeiten; E-Book-Unterstützung; Kommentare und Fußnoten – man muss es selbst erkunden. Ich nutze die Software seit Jahren. Sie ist kein einziges mal abgestürzt. Kein defektes Projekt. Wenn ich Ihnen nun noch sage, dass Scrivener für knapp 33 Euro zu haben ist (Windows oder Mac), dann werden Sie seinen Erfinder, Keith Blunt, für etwas exzentrisch oder jedenfalls unmäßig philanthropisch halten. Nun, er ist Engländer, falls das etwas erklärt. Jedenfalls ein ganz feiner Entwickler. Probieren Sie es aus.

Lesefreundlichkeit: Darf´s ein bisschen kürzer sein?

Lesefreundlichkeit hat viele Aspekte. Einer der Wichtigsten ist die Satzlänge. Wolf Schneider schreibt, in der Bildzeitung seien die Hälfte der Sätze lediglich fünf Worte lang. Das ist für viele werbliche Zwecke wohl zu kurzatmig. Die radikale Kürze hat aber den Vorteil, von nahezu jedem Deutschen verstanden zu werden. Ich versuche bei meinen Copytexten, im Schnitt unter 15 zu bleiben. Gute Textersoftware – wie Scrivener oder Spell Catcher – zeigt die entsprechenden Werte an.

Es gibt auch ein paar Algorithmen, die noch mehr Parameter verarbeiten. Zum Beispiel auch die durchschnittliche Silbenanzahl pro Wort.
Flesch´s reading ease: Auf der Skala von 0 bis 100 sind wenigstens 60 Punkte zu erreichen. Das ist nicht ganz trivial. Schließlich wurde der Flesch Algorithmus für die englische Sprache konzipiert. Deutsch ist durchschnittlich um den Faktor 1,2 länger. Ich klopfe mir also meistens schon bei einem Fleschwert von 50 Punkten auf die Schulter.

Dieses Posting ist ein gutes Beispiel für Lesefreundlichkeit:
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Was sich hinter den Bezeichnungen Gunning´s Fog Index und Flesch-Kincaid Grade Level verbirgt, erkläre ich Ihnen ein andermal. Heute nur noch ein nützlicher Link. Sie können sich den Fleschwert eines Textes auch online errechnen lassen:
http://www.leichtlesbar.ch/html/index.html